Entschwundene Seligkeit: Pro Einwohner ein Wirtshausstuhl

Wehmütiger Ausflug in die Ebermannstädter (Bier)Geschichte: Die Wiesentmetropole besaß in den 30er Jahren die beeindruckendste Gasthausdichte Bayerns

EBERMANNSTADT. Wer kennt ihn nicht, den mitunter wehmütig-räsonierenden Spruch von “der guten alten Zeit”. Nicht selten verbirgt sich dahinter die mehr oder weniger latente Sehnsucht nach mehr Einfachheit, Ruhe und der damit verbundenen Gemütlichkeit. Und in der längst verblichenen Vergangenheit finden sich tatsächlich solche Fixpunkte, Oasen der Einkehr, womit wir beim Thema wären. Es geht um Wirtshäuser, genauer um die (mittlerweile meist verschwundenen) von Ebermannstadt und die lohnen einen Blick zurück. Christian Rösch hat das getan.

Neben der Kirche und dem Rathaus war in allen fränkischen Gemeinden, besonders aber in Ebermannstadt, das Wirtshaus der wichtigste Ort im öffentlichen Leben. Man traf sich in der Wirtsstube am Stammtisch, spielte Schafkopf, diskutierte die Gemeindepolitik, erzählte Witziges, erfuhr das Allerneueste, schloß mancherlei Geschäfte ab und kehrte bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen ein.

In einem Reiseführer von 1930 wird Ebermannstadt als ein Städtchen mit 860 Einwohnern und Breitenbach als ein Ort mit 380 Einwohnern erwähnt. Empfohlen werden die Gasthäuser “Eisenbahn”, “Post”, “Goldener Stern”, “Goldener Engel”, “Sonne” und “Schwan”. Nicht genannt sind all die Brauereien, Wirtshäuser und Cafés, die keine Fremdenzimmer hatten und kein Mittagessen ausgaben und das waren nicht wenige. Insgesamt befanden sich in Ebermannstadt und in Breitenbach in den 30er Jahren 20 Einkehrmöglichkeiten.

Dies entsprach bei 1240 Einwohnern (Ebermannstadt und Breitenbach) einer Dichte von 16 Wirtschaften auf 1000 Einwohnern oder für 62 Einwohner stand ein Lokal zur Verfügung. Noch erstaunlicher wird es, wenn wir nur die Stadt Ebermannstadt berücksichtigen. Breitenbach war bis 1939 eine selbständige Gemeinde und hatte zwei Wirtschaften, den “Goldenen Engel” und das Gasthaus “Zum Bayerischen”.

Ebermannstadt konnte bei 860 Einwohnern 18 Gasthäuser, Wirtshäuser und Cafés aufweisen. Das ergab eine Dichte von 21 Wirtschaften auf 1000 Einwohner oder klarer ausgedrückt: Für 48 Einwohner war ein Lokal vorhanden. Jeder Erwachsene hatte, wenn wir die Zahl der vorhandenen Wirtshausplätze berücksichtigen, seinen eigenen Wirtshausstuhl. Keine andere Stadt in Bayern konnte dies seinen Bürgern bieten.

Warum so viele Gasthäuser?

Spätestens hier stellt sich die Frage, warum es gerade in Ebermannstadt so viele Einkehrmöglichkeiten gab. Die Antwort gibt wie fast immer die Geschichte. Die Anfänge liegen im Braurecht. Im Jahr 1323 stellte Kaiser Ludwig der Bayer den Einwohnern von Ebermannsadt den “Gnadenbrief” aus. Aus dem Dorf wurde die Stadt Ebermannstadt mit dem Recht auf Befestigung, dem Marktrecht und dem Recht zur Wahl von Bürgermeister und Rat. Vom wichtigsten Recht, dem Marktrecht, leiteten die Ebermanstädter auch das Recht ab, als einzige in der Stadt und “da-rum in einer Meile” Bier zu brauen.

So achteten sie stets darauf, daß im Umkreis von zwei Stunden nur Ebermannstädter Bier ausgeschenkt und getrunken werden durfte. Über Jahrhunderte stritt man sich mit Pretzfeld, Wannbach, Wichsenstein, Morschreuth und Unterleinleiter um Braurechte und Bierlieferungen. 1510 zogen Ebermannstädter Bürger sogar bewaffnet gegen Pretzfeld, beschlagnahmten das “widerrechtlich gebraute Bier” und tranken es aus. Ob die Qualität dieses Bieres das der Ebermannstädter übertraf, darüber schweigen die Chronisten allerdings.

Erst 1803 im neu eingerichteten Königreich Bayern endete dieses “Biermonopol” endgültig. Nicht beendet aber wurde das Bierbrauen in der Stadt Ebermannstadt. Nach dem Motto “Wettbewerb erhöht das Geschäft” verbesserten die zahlreichen Brauer die Qualität des Bieres und eröffneten zunehmend eigene Schankwirtschaften.

Wer vor einem halben Jahrhundert auf der Hauptstraße durch die Stadt radelte, stieg gerne ab und schob sein Fahrrad. Einmal wegen des äußerst holprigen Pflasters, aber auch wegen der zahlreichen Wirtshäuser und Brauereien, die es zu bestaunen galt. Allein entlang der Hauptstraße und am Marktplatz konnte man 18 Brauereien, Wirtshäuser und Gasthäuser zählen. Dazu kamen noch zwei Cafés, das Café Münzinger und das Café Gath, das Gasthaus “Zur Eisenbahn” am Bahnhof und das Gasthaus “Zum Bayerischen” in Breitenbach.

Neben der Stadtpfarrkirche stand die bekannteste Gastwirtschaft mit einem herrlichen Biergarten, das Gasthaus “Zum goldenen Engel”. Dann folgten wie auf einer Perlschnur aufgereiht Brauerei Wagner (ohne Ausschank), Brauerei Kolb, Brauerei Winkler, Gasthaus “Zur Sonne”, Brauerei Hackschmitt, Brauerei Resengörg, Gasthaus “Zur Post”, Brauerei Wagner (später “Blaue Traube”), Brauerei Josef Ott, Brauerei Theiler/Kraus, Brauerei Kraus (Basteibräu), Brauerei Ott (ohne Ausschank), Brauerei Seiller, Brauerei Lachmayer, Kronenwirt, Brauerei Adam Theiler, Gasthaus “Zum goldenen Stern”, Schwanenbräu.

Fast alle Brauereien hatten ihre eigene Wirtsstube, in der sie das im Kommunbrauhaus gebraute Bier ausschenkten. Nur die Basteibräu, die Brauerei Josef Wagner und die Brauerei Ott (Matrosen) hatten keinen eigenen Ausschank. Sie lieferten ihr Bier an Zapfenwirte in Ebermannstadt und in Orte der näheren Umgebung.

Die Gast- und Bierwirtschaften gehörten bis zur Jahrhundertwende zu den konzessionspflichtigen Gewerbezweigen mit persönlicher bzw. auf das Wirtsehepaar bezogener Erlaubnis. Während Gastwirtschaften Fremdbeherbergung und Verabreichung von Speisen betrieben, lag der Schwerpunkt bei Bierwirtschaften auf den Getränken. Wurde eine Konzession zum Betrieb einer Wirtschaft beim Bezirksamt beantragt, mußte die Gemeinde eine Bedürfnisprüfung durchführen.

So heißt es in einem Sitzungsbericht der Gemeinde Ebermannstadt vom 20. Februar 1882: “Es sei das Bedürfniß zur Schaffung einer vierten Gastwirtschaft dahier als vorhanden anzuerkennen, dagegen die Bedürfnißfrage für fünf Gastwirtschaften zu verneinen. Die Lokalität des Gesuchsstellers sei wegen ihrer Beschaffenheit und Lage der polizeilichen Anforderungen als genügend anzusehen und wird konstatiert, daß keine Thatsachen vorliegen, welche die Annahme rechtfertigen, daß er das Gewerbe zur Förderung der Völlerei, des verbotenen Spiels, der Hehlerei oder der Unsittlichkeit mißbrauchen werde.”

Einzelne Gasthäuser

Eine der ältesten Gastwirtschaften in Ebermannstadt ist die “Sonne” (Hausname “Herbstseppala”). Im Jahre 1824 erhielt der Landwirt und Brauer Johann Herbst die “Conzession” zum Führen einer Gastwirtschaft vom königlichen Landgericht Ebermannstadt. Voraussetzung für diese Genehmigung war, daß er Fremde beherbergen, Gäte verköstigen und Pferde in einem Stall unterstellen konnte. Vor dem Zweiten Weltkrieg standen im Gastzimmer sechs Tische für ungefähr 30 Gäste, im Nebenzimmer übte der hiesige Zitherklub. Im ersten Stock waren die Fremdenzimmer mit 15 Betten (Pensionspreis 2,80 bis drei Reichsmark) und ein Saal für Versammlungen, Theateraufführungen und Tanzveranstaltungen.

Dunkel bis goldgelb

Die Bierauswahl war nicht groß, gebraut wurde ein dunkles bis goldgelbes Bier mit einem etwas herben Geschmack im Kommunbrauhaus. Gelagert wurde das Bier mangels Kühlmöglichkeiten in einem Keller im Erlach (oberes Scheunenviertel) und im Ramstertal. Jedes Faß mußte vor dem Anstich mit einem Fuhrwerk aus dem Ramstertal geholt werden. Besonders wichtig war der Bierverkauf “über die Straß”, daß heißt, man holte sich das Bier offen in einem mitgebrachten Krug aus der Wirtschaft. Das Bier war zwar nicht billiger, aber man erwartete sich einen Schoppen als Dreingabe. Besonders gut ging das Biergeschäft zur Zeit des Dreschens. Dann standen die Mägde mit großen Krügen in einer langen Reihe im Flur der Wirtschaft und der Wirt mußte in diesen Tagen mehrmals ins Ramstertal fahren, um frisches Bier zu holen.

Obwohl der Gasthof “Resengörg” heute zu den führenden Häusern des hiesigen Gastgewerbes gehört, war er bis in die dreißiger Jahre eine der vielen typischen Bierwirtschaften in Ebermannstadt. Im Jahre 1886 erhielt der Bierbrauer Georg Schmitt (“dem Reser sei Görg”, daher der Name Resengörg) die Erlaubnis zur Ausübung einer Gastwirtschaft. Da die Wirtschaft für den Lebensunterhalt allein nicht ausreichte, brannte er Schnaps und betrieb eine kleine Landwirtschaft.

Im Gastzimmer standen fünf Tische für 25 Gäste. Bestellt werden konnten kleine Brotzeiten, man hatte auch nichts dagegen, wenn jemand seinen Pressack oder Backsteinkäs mitbrachte. Im Saal übten und üben heute noch der Gesangverein, für den Radlerverein “Viktoria” war es das Stammlokal. Das Bier wurde bis 1959 im Kommunalbrauhaus gebraut. Beliefert wurden der Feuerstein, die Polizeischule, aber auch Wirte in Ebermannstadt, Reuth, Neudorf und Siegritz.

Bierkeller

Beliebt war der Ausschank in der wärmeren Jahreszeit, besonders an Fronleichnam, bei den Bierkellern im Ramstertal. Manch müder Wanderer aus dem Oberland machte dort Rast unter den schattigen Bäumen und erreichte erst bei Sonnenaufgang seinen Heimatort.

Nur zwei der zahlreichen Wirtschaften in Ebermannstadt konnten etwas näher vorgestellt werden. Allen anderen tut man Unrecht, sie nicht ausführlicher zu beschreiben. Deshalb ist eine Ausstellung im Heimatmuseum geplant, die all die verschwundenen Einkehrmöglichkeiten noch einmal aufzeigt. Während des Zweiten Weltkrieges begann das Sterben der Gastwirtschaften in Ebermannstadt und es endete erst in den siebziger Jahren. Geblieben sind von all dieser Wirtshauskultur die Gasthöfe “Sonne”, “Resengörg”, “Schwan”, “Post”, die Gasthäuser “Zum Bayerischen” und “Zur Eisenbahn” (jetzt “Bei Angelo”) und das Bierstüberl Lachmayer.

Ebermannstädter Bier wird nur noch vom Schwanen- und vom Sonnenwirt gebraut. Man mag dies bedauern, aber die Gründe für diesen Wandel sind so vielfältig wie einsichtig:

Manche Gastwirtsfamilie verlor ihren Nachfolger im Krieg oder hatte keine Kinder.

Die Kundenwünsche wurden anspruchsvoller und mancher Gastwirt hatte nicht das Geld oder den Mut für einen Umbau.

Die Zeit des Wirtschaftswunders bot den Nachfolgern lukrativere und einfachere Erwerbsmöglichkeiten.

Aber doch müssen wir erkennen, daß die verbliebenen Ebermannstädter Gastwirtschaften das sind, was sie schon immer waren, ein Ort der guten Einkehr und des Wohlfühlens. Heben wir das Glas und trinken auf das Wohl der Wirtinnen und Wirte und ihrer Mitarbeiter.

Christian Rösch


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