"Sokrates" kümmert sich um Minderheiten

26 Schüler/innen des Gymnasiums Fränkische Schweiz nehmen an europäischem Projekt über Randgruppen teil

EBERMANNSTADT. "INJUSTICE", Unrecht, Ungerechtigkeit lautet der Titel eines Projekts, innerhalb dessen unter Federführung des Bundesoberregionalgymnasiums Wien, Schüler/innen des Liceo Statale in Neapel, des Erzbischöflichen Gymnasiums in Prag und des Gymnasiums Fränkische Schweiz, Ebermannstadt, Probleme von Minderheiten in der Gesellschaft erarbeiten.

Die Ziele des Projekts, das im Rahmen des "Aktionsprogramms Sokrates" von der Europäischen Union finanziell unterstützt wird, sind eindeutig: Schüler sollen über Ländergrenzen hinweg an gemeinsam gewählten Projekten arbeiten und sich näher kommen. Dabei sollen zugleich moderne Kommunikations- und Präsentationsformen trainiert werden. So laufen die Kontakte unter den Schulen via E-Mail und Internet. Die Ergebnisse der Arbeit sollen mittels Video und CD-Rom am Ende der Projektlaufzeit den Partnern bei einem gemeinsamen Treffen vorgeführt werden.

Die Minderheit, mit der sich die 26 Ebermannstadter Schüler/innen aus der elften Jahrgangsstufe unter der Betreuung ihrer Lehrkräfte Irmtraud Schmid-Goetz, Gertrud Tinkl und Peter Kriegl auch außerhalb des Unterrichts intensiv beschäftigen wollen, sind die Behinderten in unserer Gesellschaft.

Die Schüler/innen gehen den Fragen nach: "Welche Arten von Behinderungen gibt es? Wie ist ihre rechtliche Situation? Mit welchen Vorurteilen begegnet ihnen die Gesellschaft? Welche Hilfen bietet sie den Behinderten und ihren Angehörigen?" Bis Juni 2001 wollen die Schüler/innen durch intensive Recherche, durch Besuche in entsprechenden Einrichtungen, durch Gespräche und Interviews die gewonnenen Erkenntnisse zusammenstellen und präsentieren.

Zu diesem Zweck wurde auch eine Ausstellung über die "Geschichte der Behinderten in Nürnberg", die vom Verein "Geschichte für Alle" in Zusammenarbeit mit dem Forum Nürnberger Behindertenwerkstätten für das Kulturprogramm der Stadt Nürnberg im Rahmen der 950-Jahr-Feier erarbeitet worden ist, in die Schule geholt und in der Bibliothek aufgebaut.

Vom Mittelalter bis in die Gegenwart spannt sich der Bogen, und in einer Vielzahl von beeindruckenden Dokumenten wird deutlich, welcher Wandel sich im Umgang mit diesen Menschen vollzogen hat. Jahrhunderte lang wussten die Nichtbehinderten nicht, wie sie sich gegenüber diesem Personenkreis verhalten sollten. Vielfach wurden Behinderte einfach ausgegrenzt und abgesondert. Sie mussten sich als von der Stadt geduldete Bettler durchschlagen oder in die Fürsorge von Spitälern begeben.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts existierte in Nürnberg der "Närrische Prisaun". Wie in einem Gefängnis, abgeschottet von der Umwelt, wurden dort die Geisteskranken der Stadt weitgehend sich selbst überlassen und nur mit dem Allernötigsten versorgt. Dem gegenüber bildeten die "Heime für Blöde und Schwachsinnige", die ab 1854 unter der Leitung des Pfarrers Wilhelm Löhe in Neuendettelsau von den Diakonissen errichtet wurden, schon einen großen Fortschritt, da dort auch eine geistige Förderung stattfand.

Im Dritten Reich fielen solche Menschen dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer. Die Entwicklung der psychiatrischen Medizin und der Ausbau der sozialen Betreuung durch caritative Verbände und Einrichtungen bis in die Gegenwart sind die Themen der letzten Ausstellungstafeln. Die Ausstellung steht selbstverständlich allen Schüler/innen des Gymnasiums offen. Die Projektleiter und ihre Gruppe wünschen sich, dass durch die angebotenen Informationen Vorurteile abgebaut und Berührungsängste gegenüber Behinderten beseitigt werden können. Die Ausstellung kann bis Dienstag, 14. November, besichtigt werden.

fpo


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