Mehr traurige Gesichter im reichen Deutschland als im armen Kolumbien

Pater Alfred Welker war in der Realschule Ebermannstadt zu Gast, die ihn unterstützt

EBERMANNSTADT. Pater Alfred Welker wird nicht müde, aus seinem Wirkungskreis in Cali/Kolumbien zu berichten. Jetzt war er in der Realschule Ebermannstadt. "Don Alfredo", wie ihn die Kinder von Cali nennen, ist in Ebermannstadt kein Unbekannter. Unterstützen doch die Realschüler seit vielen Jahren diesen tatkräftigen Jesuitenpater bei seinem Aufbauwerk "Kinder von Cali".

Nun sprach er zu Lichtbildern vor den neunten und zehnten Klassen. Seit 1981 lebt Pater Alfred Welker bei den einst vergessenen Kindern von Cali in den Elendsvierteln der kolumbianischen Drogenmetropole. Er hat Beispielhaftes geleistet: Inmitten von wirtschaftlichem Elend und Ausbeutung, Gewalt und Korruption, Drogen- und Bandenkriminalität hat sein Aufbauwerk den Ärmsten der Armen Hoffnung gebracht, indem er für menschenwürdige Behausungen, Arbeit und Bildung sorgte (der FT berichtete wiederholt).

Als er in die Armenviertel am Südrand der Stadt Cali kam, fand er unvorstellbar primitive Lebensverhältnisse für die Menschen vor, berichtete er. Im Distrito Aguablanca, wo Zehntausende in armseligen Hütten ohne Wasser und Strom hausten, gründete er die Armenpfarrei "Nuestro Senor de los Milagros", zu deutsch: Unser Herr der Wunder. Sie umfasst heute nicht weniger als 62000 Seelen. Das sumpfige Gebiet musste entwässert, Abwässerkanäle, Wasserleitungen und Stromversorgung eingerichtet und Straßen gebaut werden, und das bei einer Temperatur von 30 Grad und einer unvorstellbaren Stechmückenplage.

Über die Jahre hinweg gelang es ihm, im Armenviertel El Retiro ein erfolgreiches Sozialwerk aufzubauen mit Schulen, Lehrwerkstätten, einem Gesundheitszentrum und Arbeitsplätzen für Frauen. Heute besuchen 7000 junge Menschen die Schulen, die im Schichtunterricht geführt werden. Zahlreiche Lehrer wurden angestellt, die in riesigen Klassen eine schwere Arbeit für einen nach unseren Maßstäben geringen Lohn verrichten. Zur Zeit besuchen 3350 Schüler die Volksschule. Ein Gymnasium wurde eingerichtet. Inzwischen haben 2800 Schüler das Abitur abgelegt. Allerdings ist es äußerst schwierig, eine Universität zu besuchen. Sie ist den Reichen vorbehalten.

Im technischen Zweig werden von Schülern Autos zerlegt und wieder zusammengebaut. In kleineren Fabrikationsstätten finden Frauen und Männer Arbeit. Matratzen und Besen werden hergestellt, eine Sargfabrik wurde eingerichtet. In einer Schneiderei finden Frauen für einen Monatslohn von ca. 50 Euro Arbeit.

In eigenen Küchen wird für die Ernährung der Kinder gesorgt. 3000 Essen werden in einem eigens eingerichteten "Restaurant" ausgegeben. Sie erhalten dort täglich drei Mahlzeiten. Außerdem medizinische Versorgung durch die "Ärzte der Dritten Welt" und pädagogische Betreuung. Für behinderte Kinder wurden Therapeuten und 30 Krankenschwestern ausgebildet.

Partei mit Gottes Segen

Pater Welker beklagte vor allem die Vielzahl von Gewalttaten und die Machtlosigkeit der Regierung, mit diesen Problemen fertig zu werden. Zahlreiche Jugendgangster kontrollierten die 15 Zonen. Gefährlicher Drogenhandel bestimme die "Szene". 93 Prozent der Mordfälle blieben ungesühnt. Die Reichen würden Morde in Auftrag geben, selbst für alltägliche Diebstähle.

500 Schüler seien in den letzten Jahren bereits erschossen worden. Regierungsbeamte seien entweder korrupt und sie würden wegsehen. Man versucht jetzt, erzählte der Jesuit, eine eigene Partei zu gründen, um einige Stadträte in die Stadtverwaltung zu bringen, damit man auf die Probleme hinweisen und sie politisch anpacken kann.

"Don Alfredo" berichtete aber auch, dass die Menschen dieses südamerikanischen Landes trotz aller Probleme, allen Leids hoffnungsvoll und fröhlich sind. Er jedenfalls habe in den letzten 14 Tagen seines Heimaturlaubes in Deutschland deutlich "mehr traurige Gesichter gesehen als jemals in Kolumbien". Das sei für ihn völlig unverständlich, da doch Deutschland ein so hervorragendes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem besitze.

Siegfried Schmidt


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