EU-Osterweiterung wird Oberfranken besonders fordern

Auch deshalb ist die Europawahl von Bedeutung — Der Einladung der Europa-Union zur Diskussion folgten nur CSU- und SPD-Kandidaten

EBERMANNSTADT. Ein überaus faires “Duell zu dritt” erlebten die Besucher eines vom Kreisverband Forchheim-Fränkische Schweiz der Europa-Union oberfrankenweit angebotenen Diskussionsabends, bei dem sich die Kandidaten, die sich bei den Europawahlen am 13. Juni im Bezirk um einen Sitz im Brüsseler Parlament bewerben, dem Wähler persönlich vorstellen konnten. Da die Grünen abgesagt hatten, die F.D.P. sich aus unauffindbar erwies, saßen nur die mutmaßlichen Hauptkonkurrenten am Gesprächstisch: Wilmya Zimmermann (SPD), Poxdorferin, seit 1994 Mitglied des europäischen Parlaments, sowie ihre beiden CSU-Herausforderer Dr. Joachim Wuermeling (Bayreuth) und Thomas Silberhorn (Bamberg).

Das erste umfassende Statement lieferte Thomas Silberhorn, der als Kreisvorsitzender der Europa-Union in Bamberg im Resengörg-Saal von Ebermannstadt ebenso ein “Heimspiel” hatte wie Wilmy Zimmermann, die dem Kreisvorstand der Europa-Union in Forchheim angehört. Die Bedeutung der Europawahl werde nach wie vor unterschätzt, warnte Silberhorn, denn rund 75 Prozent der Rechtsakte in Europa würden derzeit vom Europaparlament mitentschieden. So werde es auch bei der Osterweiterung mitbestimmen, die laut Silberhorn “die für Oberfranken wichtigste Entscheidung in den nächsten Jahren” sein werde.

Grundsätzlich sei die CSU für die Osterweiterung — schließlich habe sie sich seit Jahrzehnten für den Fall des Eisernen Vorhangs ausgesprochen und müsse jetzt auch den nächsten Schritt mitgehen, um den Osten Europas zu stabilisieren. Es gebe aber auch unübersehbare Probleme, vor allem bei der Freizügigkeit von Arbeitnehmern und bei der inneren Sicherheit. Die CSU plädiere daher für lange Übergangsfristen, um wahrscheinliche Nachteile für Oberfranken auf dem Arbeitsmarkt abzufedern. Um der nach wie vor steigenden Kriminalität Herr zu werden, müsse der Außenschutz durch eine lückenlosere Sicherung der neuen Außengrenzen der Europäischen Union sichergestellt werdern.

Postenschacher

Kritik übte Silberhorn am “Postenschacher” der Grünen bei der Besetzung der neuen EU-Kommission. Wenn von ihnen eine “Quotenfrau” benannt werde, die noch nie zuvor Europapolitik gemacht habe, so sei dies eine Unmöglichkeit. Die Entscheidung darüber falle aber erst im neu gewählten Parlament, also nach dem 13. Juni.

Silberhorns Vorwurf, das derzeit sozialistisch und sozialdemokratisch beherrschte Europaparlament habe den Mißtrauensantrag gegen die Kommission unter Jacques Santer scheitern lassen, begegnete Wilmya Zimmermann mit dem Hinweis, aus Deutschland habe es nur fünf Gegenstimmen gegeben, davon eine von einem (offenbar mit der Abstimmungselektronik nicht vertrauten) CDU-Abgeordneten. Das Parlament habe jedoch die Kommission stets aufgefordert, zu den Finanzen transparente Informationen zu liefern, die diese jedoch nicht geboten habe. Es sei ein Dilemma, daß die Aufgabenbereiche der Kommission ständig erweitert worden seien, eine Vergrößerung der Kommission aber nicht in Betracht gezogen wurde. Wilmya Zimmermann forderte eine innere Strukturreform in Brüssel — und zwar noch vor der Osterweiterung.

Bei der Osterweiterung setzte die SPD-Abgeordnete andere Akzente als ihre CSU-Konkurrenten. Die Kandidatenländer könnten nicht erst aufgenommen werden, wenn sie den acquis communitaire, also die EU-Standards im Umwelt-, Sozial-, Rechts- oder Wirtschaftsbereich erfüllten. Die Aufnahme müsse “so schnell wie möglich, aber auch so verträglich wie möglich” erfolgen. Das Problem der “Arbeitnehmer-Grenzgänger” hielt sie für nicht so gravierend, da diese Leute vor allem in Billiglohnbereichen arbeiteten, etwa in der Gastronomie. Die geltende “Entsenderichtlinie” stelle darüber hinaus sicher, daß Steuern und Abgaben in dem Land gezahlt werden, in dem der Arbeitgeber den Lohn verdient.

Dr. Wuermeling verwies auf den Charakter der Europawahl als Richtungswahl. Die Frage sei, ob nach der Wirtschafts- und Währungsunion nun der soziale, der steuerliche und andere Bereiche harmonisiert werden sollten, oder ob einem Europa der Vielfalt der Vorzug zu geben sei, in dem die verschiedenen Systeme zueinander in Wettbewerb treten. Er stellte allerdings klar, daß Mißbrauchsmöglichkeiten wie Steueroasen ein Riegel vorgeschoben werden müsse.

Der Hauptentwurf an die EU-Kommission sei gewesen, erläuterte er, daß sie die Kontrolle über ihren Beamtenapparat verloren habe. Die Lösung könne daher nicht sein, im Kommissionsbereich mehr Beamte einzustellen. Wichtiger sei eine klare Prioritätensetzung und die Rückverweisung von für Europa nicht bedeutsamen Aufgaben an die Staaten und Regionen.

Die Kommission beschäftige sich mit diesen Dingen, weil der Ministerrat ihr diese Aufgaben zugewiesen habe, konterte Wilmya Zimmermann und konnte sich in diesem Zusammenhang einen Seitenhieb auf die Regierung Kohl nicht verkneifen, die dies mitzuverantworten habe.

Allzuständigkeit?

Auf die Frage des Bezirksvorsitzenden der Europa-Union, Rainer Taubert (Lichtenfels), wie denn die europäische Struktur der Zukunft aussehen müsse, stellte die Poxdorferin den Halbjahresrhythmus der EU-Ratspräsidentschaft auf den Prüfstand. Wuermeling plädierte für eine verstärkte Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips, d. h. Brüssel entscheidet nur über Fragen, die auf nationaler oder regionaler Ebene nicht zu lesen sind. Die EU dürfe nicht “hin zur Allzuständigkeit entwickelt” werden. Silberhorn meinte, die Strukturreform werde spätestens im Zusammenhang mit der Osterweiterung angegangen — im Moment sei offenbar “der Leidensdruck noch nicht groß genug”. Die europäische Integration müsse “Mörtel zwischen den Staaten sein und nicht einen Sprengsatz legen, der eine Gegenbewertung auslösen könne.

Auf die Frage von Metin Karabag, dem Vorsitzenden des Türkischen Kulturvereins Forchheim, wie die Kandidaten über die EU-Mitgliedschaft der Türkei denken, verwies Silberhorn auf das Europaabkommen der Türkei mit der EU. Auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft gebe es jedoch zwei große Hindernisse — den Konflikt mit Griechenland und das Kurdenproblem. Jedes Beitrittsland müsse die “europäische Hausordnung” anerkennen — was im übrigen auch für die Osterweiterung gelte. Wilmya Zimmermann meinte, sie habe nichts gegen eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt seien — was in verschlüsselter Form den Aussagen von Thomas Silberhorn entsprach.

Etwas schärfer wurde der Ton nur, als es um die Agenda 2000 ging, die Wilmya Zimmermann verhement als das beste verteidigte, was unter den gegebenen Umständen erreichbar gewesen sei. Thomas Silberhorn bezeichnete die Agenda 2000 hingegen als “Desaster”. Es sei ihm unbegreiflich, wie eine oberfränkische Abgeordnete für sie eine Verteidigungsrede halten könne. Dem Ergebnis der Agenda zufolge beliefen sich die Kürzungen im Förderbereich europaweit auf 20, in Deutschland auf 30, in Bayern jedoch auf 75 Prozent — “das ist eine Katastrophe”. Der Ermessensspielraum der bayerischen Staatsregierung beschränke sich daher darauf zu entscheiden, welche Gebiete in Bayern aus der Förderung herausfallen sollen.

gw


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